Pressestimmen

Mister Elch, der Gentleman

von Andrea Rook

 

Was für eine Überraschung: Weder Klassik, noch Drama, keine bekannte Literatur und auch nicht die ganz großen Gefühle. "Es ist ein Elch entsprungen" heißt das Weihnachtsstück, das das theater junge generation dieses Jahr seinem Publikum präsentiert. Es stammt von dem bekannten Kinderbuchautor Andreas Steinhöfel ("Rico, Oskar und die Tieferschatten"), in einer Bearbeitung der Intendantin Felicitas Loewe. Um es gleich zusammenzufassen: Es sind nur Bestnoten zu verteilen. "Elchtest" bestanden, in jeder Hinsicht.

 

Früher waren Familie Wagners Weihnachten schön: Tannenbaum, Plätzchen von der Oma und als die Kinder es vor Aufregung nicht mehr aushielten, kam der Weihnachtsmann die Kletterstange runtergerutscht, jagte alle zum Spaß um den Tisch und umarmte dann die Mutter. Der Vater spielte den Weihnachtsmann. Doch jetzt waren die Eltern geschieden und der Vater weit weg. Den Tannenbaum gab es immer noch und die steinharten Plätzchen von der Oma auch. Und als die Kinder schon gar nicht mehr glaubten, dass der Weihnachtsmann kommt - da passierte es. Ein Elch fiel vom Himmel, mitten durch die Wand. Nicht irgendein Elch, sondern Mr. Henry Moose, sprechend, erstes Zugtier des Chefs.

 

Zauberhaft schräg, hinreißend verquer geht es weiter unter der Regie von Philippe Besson und der Dramaturgie von Ulrike Leßmann. Andreas Steinhöfels Vorlage bietet Fantasie, Wortwitz und den liebevollen Blick auf den ganz alltäglichen Familien-Wahnsinn. Nahuel Häfliger spielte den Jungen Bertil - dem der Vater so sehr fehlt und der sich schnell mit dem Elch anfreundet - ganz passend mit großen, staunenden Augen. Insa Jebens treibt mit Kiki - der so belesenen wie schlagfertigen Schwester - teenagerhaft hüpfend die Handlung voran. Iris Pickhard ist die Inkarnation der guten Mutter, die das Bein des Elches heilen kann und auch Heu zu besorgen weiß. Marja Hofmann als Hausfreundin Gerlinde muss die männerhassende Emanze aus der Frauengruppe geben (nur hier klopft es ans Fragetürchen, ob da nicht ein allzu großes Klischee den Flur verstopft?) - was sie aber mit viel Willen zur Veränderung meistert. Denn Uwe Steinbach - als Mister Elch unter einer überraschend biegsamen Maske - stellt den sprechenden Wiederkäuer als echten Gentleman, als Freund und Herzensseher dar.

 

Und der Chef? Das ist natürlich der Weihnachtsmann, der prompt die Stange heruntergerutscht kommt, weil er seinen Elch abholen will. Es gibt ihn also doch, den Weihnachtsmann. Auch wenn er ganz anders rüber kommt, als erwartet. Eine beschwipste Tanzeinlage legen sie ein - Bettina Sörgel als Oma und Erik Brünner als Santa Claus. Und die Theatermusikanten Tom Götze, Christoph Hermann, Jörg Kandl und Bernd Sikora spielen in schneeweißen Kostümen und auf drehbaren Glitzerbühnen so gekonnt die amerikanischen Weihnachtsschnulzen, dass jeder seine Freude hat.

 

Und noch etwas: So leicht und amüsant es auch zugeht an diesem Premierennachmittag, ist doch auch an das Wunder des Festes gedacht. Bertil fliegt auf Mr. Moose durch den Winterhimmel und rettet den Chef rechtzeitig aus dem Irrenhaus, wohin es ihn wegen Omas Kirschwasser verschlagen hat. Ein perforierter Vorhang macht einen unglaublichen Lichteffekt. Und währenddessen geht auf der tjg. -Bühne fast unmerklich mancher Herzenswunsch in Erfüllung. Man muss nur genau hinsehen und aufmerksam zuhören, dann sieht man sie überall - die Liebe.

 

zur Inszenierung


Zurück zur Startseite Zur zuletzt besuchten Seite